Kurztext:
Die als Filmemacherin bekannte Künstlerin Sasha Pirker wurde schon des Öfteren als eine „Philosophin des Raums“ bezeichnet, sind etliche ihrer früheren Arbeiten doch subtile Portraits von Orten und Architekturen. In Bonne Heure verhandelt sie die Kernthemen ihrer künstlerischen Auseinandersetzung: Film, Architektur und das Phänomen der Zeit. Mit raumgreifenden Einbauten, die sich alle von der Maßstäblichkeit des Kunstpavillons herleiten, werden die BesucherInnen auf einen Weg durch die Ausstellung geführt, der es ihnen ermöglicht über Raum, die darin gezeigten Bilder und Filme sowie die eigene V orstellungskraft nachzudenken. Bereits beim Betreten der Oberlichtgalerie begegnen sie frontal einer Frau, die eine 16mm-Kamera auf sie gerichtet hat. Bei näherer Betrachtung handelt es sich um die Polaroid-Fotografie einer filmenden Frau, die während des drei Minuten dauernden Entwicklungsprozesses abgefilmt wurde. Drei Minuten lang läuft auch eine kleine 16mm-Filmrolle – Closed Circuit, 2013.
Es gibt Bilder, weil es Wände gibt – ein Prolog ist der Titel des längsten der drei neuen in der Ausstellung präsentierten Filme. Zu sehen ist ein Bildhauer, Christian Ruschitzka, der einen Raum, konkreter einen Wohnwagen, das Sinnbild domestizierten Raums, transformiert. Es ist undeutlich was passiert. Hier wird zudem mit Raum auf verbaler Ebene gearbeitet. Bild und Ton – ein Räume sezierender Text des französischen Schriftstellers und Filmemachers Georges Perec, von dem auch das titelgebende Zitat entlehnt ist – ergeben eine Synergie, die bei den BetrachterInnen die unterschiedlichsten Assoziationen hervorrufen wird.
Bonne Heure spielt mit der Verballhornung einer zeitlichen Dimension bzw. des Glücks auf diese Vielschichtigkeit an. Humor und Slapstick ist mit im Spiel, wenn Überlegungen zu Architektur und Filmtheorie in eine bebilderte Rauminstallation mit durchdachter Dramaturgie übersetzt werden. (Ingeborg Erhart)
Langversion:
Ich bringe ein Bild an einer Wand an. Anschließend vergesse ich, daß da eine Wand ist. Ich weiß nicht mehr, was hinter dieser Wand ist, ich weiß nicht mehr, daß da eine Wand ist, ich weiß nicht mehr, daß diese Wand eine Wand ist. (…) Ich habe das Bild an der Wand angebracht, um zu vergessen, daß da eine Wand ist, indem ich aber die Wand vergesse, vergesse ich auch das Bild. Es gibt Bilder, weil es Wände gibt. (…)
Georges Perec, Träume von Räumen, 1974/2013, S. 65f (frz. Originalausgabe, Espèces d´espaces, 1974)
Zeit spielt auch im Film Livepan (2 min., stumm, 16mm, 2013), der auf einem Monitor in einer neuen, aus den Verbindungen der eingezogenen Wände entstandenen Koje gezeigt wird, eine wichtige Rolle. Ein Bügelbrett, ein Bügeleisen und ein Haufen Hemden, die auf das Plätten warten, sind die Requisiten auf die eine Frau trifft. Klappe. Szene 25. Take 1. In beneidenswerter Geschwindigkeit ist das erste Hemd fertig. Weiter geht es mit an „Deadpan“ Buster Keaton erinnernder stoischer Mimik Take auf Take bis ein stattlicher Stapel an Hemden auf der anderen Seite der Büglerin angewachsen ist. Als die Darstellerin das Slapstick-artige Powerbügeln aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint – zumindest nicht aus Szene 25 – beendet hat, lacht sie zügellos, unter Umstände sogar erleichtert, los. Doch das Lachen hört nicht auf, die humorvolle Situation kippt in Beklemmung.
Den 2,20 m hohen und ca. 5,60 m breiten Durchgang zwischen den beiden Räumen des Kunstpavillons hat Sasha Pirker mit einer Wand geschlossen. Damit man in den hinteren Raum gelangen kann, wurde diese einen Spalt breit aufgeschoben. Es gibt Bilder, weil es Wände gibt – ein Prolog ist der Titel des längsten der drei neuen in der Ausstellung präsentierten Filme. Zu sehen ist ein Bildhauer, Christian Ruschitzka, der einen Raum, konkreter einen Wohnwagen, das Sinnbild domestizierten Raums, transformiert. Es ist undeutlich was passiert, aber er stemmt, schmiedet und räumt. Materialien, die aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Wohnwagen stammen, werden jeweils auf die Größe eines Ziegelmodels verdichtet und zu kompakten Formen geschlichtet. Eine Skulptur nach der anderen entsteht. Das Leuchtbild Caravan, Detail 2 zeigt – auf der Rückseite der Projektionswand – ein Ergebnis des bildhauerischen Langzeitprojekts. Wie ein aus sich selbst herausleuchtendes Standbild referiert es auf den projizierten Film und ist gleichzeitig eigenständiges Werk. Im Film Es gibt Bilder, weil es Wände gibt – ein Prolog arbeitet Sasha Pirker zudem auf verbaler Ebene mit Raum. Bild und Ton – ein Räume sezierender Text des französischen Schriftstellers und Filmemachers Georges Perec, von dem auch das titelgebende Zitat entlehnt ist – ergeben als Gesamtinstallation eine Synergie, die die Betrachter_innen in unterschiedlichste Assoziationsfelder führt. Bänke laden zum Verweilen ein. Reflektiert wird über das Bett, einen überflüssigen, funktionslosen Raum, Türen, Wände, das Land und über die Bewegung.
Der Titel der Ausstellung BONNE HEURE spielt mit der Verballhornung einer zeitlichen Dimension bzw. des Glücks auf diese Vielschichtigkeit an. Auch Humor ist mit im Spiel, wenn Überlegungen zu Architektur- und Filmtheorie in eine bebilderte Rauminstallation mit durchdachter Dramaturgie übersetzt werden. Die Künstlerin sieht den Prozess des Präsentierens als etwas Dynamisches und das Ausstellen als ein Verfahren des Sichtbarmachens. Damit wird das Display selbst zum Exponat3 und die Besucher_innen zu Akteur_innen. Über allem liegt das Rattern des Filmprojektors. (Ingeborg Erhart)
Ich möchte, daß es dauerhafte, unbewegliche, unantastbare, unberührte und fast unberührbare, unwandelbare, verwurzelte Orte gibt; Orte, die Empfehlungen wären, Ausgangspunkte, Quellen: (…) Solche Orte gibt es nicht, und weil es sie nicht gibt, wird der Raum zur Frage, hört auf eine Gewissheit zu sein, hört auf eingegliedert zu sein, hört auf angeeignet zu sein. Der Raum ist ein Zweifel: ich muß ihn unaufhörlich abstecken, ihn bezeichnen; er gehört niemals mir, er wird mir nie gegeben, ich muß ihn erobern.4
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1 Verena Teissl anlässlich der Werkschau von Sasha Pirker bei der Viennale 2011
2 Dietmar Schwärzler, 2013
3 Vgl. Christine Haupt-Stummer, Display – ein umstrittenes Feld, in: Handbuch Ausstellungstheorie und -praxis, ARGE schnittpunkt (Hg.), Wien, Köln, Weimar 2013, S. 94f
4 Georges Perec, Träume von Räumen, 1974/2013, S. 155 (frz. Originalausgabe, Espèces d´espaces, 1974)