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identical
4:38 min., sound, A/USA 2017, engl OV

Man stellt sich vor wie die Künstlerin in ihrer Residency im heissen Süden von Texas sitzt, in Marfa, nachdenkt und dabei den Blick immer wieder zum Fenster schweifen lässt. Ein weisser Vorhang bewegt sich im leichten Wind hin und her, trifft auf das Fenstersims und entspinnt ein feines Bewegungsspiel aus Licht und Schatten. Mit dem Wechselspiel von Verbergen und Offenbaren spielt das Video identical nicht nur mit der Erwartungshaltung der Betrachter/innen, sondern verweist mit dem Bild des Vorhangs auch auf den wahrscheinlich bekanntesten Wettstreit der Kunstgeschichte. Plinius berichtet in seiner naturalis historia, dass Zeuxis im Wettstreit mit Parrhasios so naturgetreue Trauben malte, dass Vögel herbeiflogen, um an ihnen zu picken. Parrhasios präsentierte seinem Rivalen daraufhin ein Gemälde mit einem leinernen Vorhang. Als Zeuxis ungeduldig bat, diesen beiseite zu schieben, um endlich das sich vermeintlich dahinter befindende Bild zu betrachten, offenbarte Parrhasios ihm, dass der Vorhang nur gemalt war. Hatte es Zeuxis geschafft, Tiere zu täuschen, so war es Parrhasios gelungen, das geschulte Künstlerauge selbst in die Irre zu führen. Wenn man einen Menschen täuschen will, braucht man ihm nur das Bild eines Vorhangs vor Augen zu halten, das heißt das Bild von etwas, jenseits dessen er zu sehen verlangt“, schreibt Lacan in Anspielung an die antike Legende. Auf der Audioebene hören wir die Stimme eines Mannes, der von sich und seinem Bruder erzählt und seiner Rolle als Architekt. Auch sein Bruder ist Architekt, sie arbeiten zusammen. Hinzu kommt, dass die beiden eineiige Zwillinge sind. Identical aktiviert nicht nur die Imagination der Betrachtenden, sondern stellt philosophische Fragen zu Raumwahrnehmung, Identität und Gesellschaft und inszeniert durch das Bild des Vorhangs den Akt des Zeigens selbst.   (Text: Roman Grabner)